‚Foucaults Perspektive'
Ein Vortrag zu Überwachen und Strafen
von Babette Saebisch, Frankfurt am Main
(Textgrundlage: Michel Foucault, Überwachen und Strafen, Suhrkamp: Frankfurt/M. 11/1995)
Der Vortrag fand am 16.01.04 im Rahmen der Ausstellung "Invisible Cities" von Jonas Dahlberg statt.
Einleitung
Ich möchte zunächst den Titel meines Vortrages kurz erläutern – warum ‚Foucaults Perspektive'? Ich will zum einen Foucaults theoretische Perspektive, speziell auf das Thema ‚Gefängnis', vorstellen. Gleichzeitig ‚will es der Zufall', daß Foucaults philosophisch-historische Position sich selber als perspektivistisch kennzeichnen läßt (hierzu später mehr). Schließlich konfrontieren uns die Arbeiten von Jonas Dahlberg als filmische und architektonische auf prädestinierte Art und Weise mit der räumlichen Perspektive: und da es in Überwachen und Strafen ebenfalls in einigen Zusammenhängen um Aspekte dieser räumlichen Perspektive geht, können hier also an den unterschiedlichsten Stellen Anknüpfungspunkte zu der laufenden Ausstellung gesucht werden - da ich aber dezidiert keinen kunsthistorischen Vortrag halten werde, soll hiermit auf diese Anknüpfungspunkte wenigstens verwiesen sein.
Ich möchte Ihnen nun kurz ein paar Stichworte zur Biographie Michel Foucaults mit auf den Weg geben: Foucault wurde 1926 in Poitiers geboren, er studierte an der renommierten ‚École normale supérieure' Philosophie und Psychologie. 1962 übernahm er seine erste Professur in Clermont-Ferrand und seit 1970 hatte er dann (nach einigen anderen Stationen) den neu eingerichteten ‚Lehrstuhl der Geschichte der Denksysteme' am Collège de France inne – was uns bereits einen ersten Hinweis auf die Thematiken gibt, mit denen Foucault sich wissenschaftlich auseinandergesetzt hat. Foucault hat sich aber auch politisch stark engagiert, so etwa für die polnische Gewerkschaftsarbeit oder für einen kritischen Umgang mit der Institution des Gefängnisses. 1984 ist er in Paris gestorben.
Foucaults wissenschaftliches Werk kann man grob in drei Phasen einteilen: Da ist zunächst die sogenannte ‚Archäologie' – diese untersucht ‚Diskurse', also Mengen von Äußerungen, die zu einem bestimmten Themengebiet vorliegen. Diese Diskurse werden in der Archäologie von Foucault zunächst ganz isoliert für sich betrachtet. In der Phase der ‚Genealogie' fragte Foucault dann nach der Entstehung solcher Diskurse über den Lauf der Zeiten hinweg. Er betrachtet hier sehr viel genauer einzelne Details und Ereignisse und ist in dieser Phase sehr viel deutlicher auch Historiker als nur Philosoph. In einer dritten Phase schließlich umreißt Foucault eine ‚Ästhetik der Existenz', die man auch seine Ethik nennen könnte. Uns soll hier vorrangig die Phase der Genealogie interessieren, denn ihr ist auch die Schrift Überwachen und Strafen von 1975 zuzuordnen.
Im folgenden will ich Ihnen ein paar von Foucaults denkerischen Leitmotiven skizzieren, die er vor allem in dieser genealogischen Phase herausgestellt und favorisiert hat: Foucault sucht im Rahmen seiner Arbeiten aus dieser Phase nie ‚den einen' Ursprung einer historischen Entwicklung oder Tatsache, sondern deren Herkunft aus den unterschiedlichsten Vorkommnissen. Es gibt für ihn weder einen sogenannten ‚natürlichen Gegenstand' einer Sache (d.h. er nimmt an, daß ein Phänomen nie stets genau dasselbe bleibt, was es am Anfang einer historischen Entwicklung einmal war) noch glaubt er, daß man als Historiker einen Standpunkt ‚außerhalb der Geschichte' einnehmen könnte: Man sollte sich also seinen immer schon perspektivischen Standpunkt klarmachen und von dort aus akribisch die vielen auffindbaren Details, Informationen, Gefühle und Begebenheiten betrachten - und zwar vornehmlich die ‚kleinen' Details, nicht nur die ‚großen Köpfe', Institutionen und Ereignisse der sogenannten ‚Weltgeschichte'. Dabei sollte man versuchen, sich den betrachteten Gegenstand so fremd wie möglich zu machen und sich nicht auf die eigenen Vorkenntnisse zu verlassen.
Nach dieser Einleitung stelle ich Ihnen nun Foucaults Text Überwachen und Strafen vor:
Überwachen und Strafen
Das Buch Überwachen und Strafen wird in der Regel beschrieben als Foucaults Buch über die Macht. Was soll das genau heißen? Durch den Text ziehen sich zunächst einmal zwei Leitfragen: Erstens: Wie kam es, daß das Gefängnis in einer bestimmten historischen Situation innerhalb kürzester Zeit die weitaus prominenteste Strafpraxis werden konnte, obwohl noch kurz vor diesem ‚Boom' Strafrechtsreformer ganz andere Neuerungen der Strafpraxis ersonnen und zunächst auch eingeführt hatten? Und wie kam es zweitens, daß sich das Gefängnis als prominenteste Strafpraxis bis in unsere heutige Zeit so erfolgreich gehalten hat, obwohl vieles dafür zu sprechen scheint, daß das Gefängnis, mißt man es an seiner ‚Absichtserklärung' der Besserung der Straftäter und der Rückfallprophylaxe, eigentlich ein Mißerfolg war? Um auf diese Fragen Antwort zu finden, betrachtet Foucault ausführlich die Entwicklung der Strafjustiz in Frankreich, und zwar über einen Zeitraum hinweg, den ich der Übersichtlichkeit halber in drei Abschnitte aufteilen möchte, denen sich die von Foucault im Verlaufe des Textes beschriebenen Veränderungen der Strafpraxis zuordnen lassen:
- Das absolutistische ‚Ancien Régime' vor der Frz. Revolution,
- die Zeit der Strafrechtsreformen im Frankreich des 18. Jahrhunderts und
- die Zeit um den Übergang zum 19. Jahrhundert.
Foucault versenkt sich in die Archive. Er nimmt sich die unendlich vielen, detailreichen kleinen Dokumente vor - ein Napoleon Bonaparte erscheint (für Foucault charakteristischerweise) im Verlaufe von 400 Seiten, die gut 300 Jahre französischer Geschichte abdecken, nur ein einziges Mal: in einer Fußnote. Foucault durchforstet Zeugnisse von Strafprozessen, Hinrichtungsschauspielen und Folter-prozeduren; er liest reformerische Eingaben von Strafrechtskritikern neu; er betrachtet die täglichen Abläufe in Schulen, Klöstern, Armenhäusern, Kasernen und Gefängnissen. Mit seiner Fragestellung im Hinterkopf sichtet er das angehäufte Material. Sein erklärtes Ziel ist die Abfassung einer Genealogie des heutigen - wie er es nennt - "Wissenschaft/Justiz-Komplexes" (33). An anderer Stelle beschreibt er sein Programm in noch weniger klaren Worten: Eine "Genealogie der modernen >Seele<" wolle er entwerfen (41), eine Geschichte der "Technologie" des Körpers schreiben, seine politische "Besetzung" oder "Ökonomie" analysieren (37) - oder (alles andere als schlicht!): die "Mikrophysik der Macht" (38).
Was also tut Foucault? In der Tat betrachtet er akribisch die Arten und Weisen, in denen über die Jahrhunderte mit den Körpern der Menschen umgegangen wurde. Bevorzugt richtet er dabei seine Aufmerksamkeit auf Praktiken der Strafjustiz, doch sein Blick streift auch den ganz alltäglichen Umgang mit den Körpern von Untertanen, Mitmenschen, Kindern, Arbeitern oder Soldaten. Was er bei dieser Untersuchung zutage fördert, sind die folgenden Phänomene und Erkenntnisse:
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Mit dem Körper wurde - insbesondere im Bereich des juristischen Strafens - zu unterschiedlichen Zeiten ganz unterschiedlich umgegangen:
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In den Zeiten des Ancien Régime machte die Macht der Herrschenden vor den Körpern nicht halt: das Monarchenrecht sah im Verbrechen eine persönliche Verletzung des Souveräns, der sich daraufhin am Körper des Verbrechers rächen durfte. (Der Foucaultsche Text beginnt übrigens recht unvermittelt mit der minutiösen Schilderung einer der damals üblichen, blutigen Martern.)
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Mit den ökonomischen Veränderungen, die das 18. Jahrhundert mit sich bringt, – die Menschen trotzen erfolgreicher dem früher so allgegenwärtigen Tod; die Produktivität steigt deutlich an; Besitztümer sind nun das Objekt, welches als vom Verbrecher bevorzugt attackiert begriffen wird - mit diesen Veränderungen also geht einher, daß ‚Strafe' als eine Art ‚vertragliche' Bestrafung daherkommt: Sie soll nun vor allem denjenigen sanktionieren, der den Gesellschaftsvertrag des Gebens und Nehmens gebrochen hat. Eine Rache am Körper erscheint den Strafrechtsreformern dieser Zeit entsprechend als obsolet und unnötig grausam - die Strafe bekommt schrittweise den Charakter einer Schranke für die zuvor grenzenlose Macht des Souveräns. Der Körper kommt scheinbar ein wenig zur Ruhe. Es soll zwar nicht per se weniger, aber besser, adäquater und ökonomischer gestraft werden. Entsprechend wird sehr viel häufiger mit der puren Drohung der Mühlen der Justiz operiert: In der Strafe sollen weniger die Körper als vielmehr die Vorstellungen der Menschen manipuliert werden. Diesen Entwürfen der Strafrechtsreformer korrespondiert der Entwurf eines stark differenzierenden Strafsystems - jede Strafe soll zu ihrem Verbrechen genau passen. Das Gefängnis ist dabei zunächst nur eine Strafe unter vielen.
Zur gleichen Zeit entsteht jedoch auch etwas, was Foucault die "Disziplinen" (175 ff.) nennt: In den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen – der Schule, dem Militär, dem Arbeitsleben - setzt sich die Praxis durch, die Körper als ‚gelehrige' zu begreifen, sie zu disziplinieren. Es werden immer diffizilere Wege ersonnen, die Körper optimal auf die Räume zu verteilen, Kontrolle über sie auszuüben, die zur Verfügung stehende Zeit effizient zu portionieren und die Körper durch entsprechende Übungen in diese Zeitraster einzupassen; die Körper werden durch bestimmte Übungen enger als zuvor an die Objekte gekettet, mit denen sie zu tun haben, und durch die funktionalisierte Aufteilung und Zusammenfassung der Menschen in Klassen, Rängen, Reihen und ähnlichen Gruppierungsformen wird versucht, die Kräfte effektiv zu bündeln. Ein paar Beispiele, in denen Foucault damals gängige Praktiken zitiert, veranschaulichen dies sehr bildlich: Aus dem Bereich des Militärs: "Die Länge des kleinen Schrittes beträgt einen Fuß, diejenige des gewöhnlichen Schrittes, des doppelten Schrittes und des Straßenschrittes zwei Fuß, gemessen jeweils von Ferse zu Ferse. Was die Dauer anlangt, so hat man für den kleinen Schritt und für den gewöhnlichen Schritt eine Sekunde, für den doppelten Schritt eine halbe Sekunde, für den Straßenschritt etwas mehr als eine Sekunde. Den Schrägschritt macht man ebenfalls in einer Sekunde; er beträgt höchstens 18 Zoll..." (194).
Aus dem Bereich der Schule: "Zu Beginn des 19. Jahrhunderts schlägt man für die Schule mit wechselseitigem Unterricht folgenden Stundenplan vor: >8:45 Eintritt des Monitors, 8:52 Ruf des Monitors, 8:56 Eintritt der Schüler und Gebet, 9 Uhr Einrücken in die Bänke, 904 erste Schiefertafel, 9:08 Ende des Diktats, 9:12 zweite Schiefertafel usw.<" (193) Und schließlich aus einem Bereich, der uns allen aus dem Alltag wohlvertraut ist: "Um gut zu schreiben, ist es notwendig, daß man sich in einer bequemen und in der dazu passenden Lage befinde. Man muß den Körper gerade halten, ein wenig nach der linken Seite geneigt und nur ein wenig vorgebeugt, und zwar so, daß, wenn man den Ellbogen auf den Tisch setzen würde, das Kinn sich auf die Faust stützen könnte, vorausgesetzt, daß die Beschaffenheit des Auges dies gestattet. Das linke Bein muß unter dem Tische um etwas weiter vorgestreckt werden als das rechte. Die Leichtigkeit im Schreiben sowohl als die Gesundheit der Kinder macht es notwendig, daß sie sich mit der Magengegend nicht an den Tisch anlehnen. Der rechte Arm muß vom Körper etwa drei Fingerbreiten entfernt sein und vom Tische beiläufig fünf Fingerbreiten abstehen, der linke Ellbogen auf dem Rande des Tisches und die Hand auf dem Papiere ruhen. Der Lehrer muß die Schüler während der Schreibezeit über die Haltung belehren, die sie beim Schreiben zu beobachten haben, und sie durch Zeichen oder auf eine andere Weise zurechtweisen, wenn sie davon abweichen." (195 f.)
Es handelt sich bei Anleitungen solcher Art um - wie Foucault das nennt - eine "politische Anatomie des Details" (178) ... und von hier aus werden nun auch seine oben genannten programmatischen Absichten klarer: Anhand der zitierten Beispiele leuchtet unmittelbar ein, was etwa mit einer "Mikrophysik der Macht" (38; auch 178; 191) gemeint sein könnte.
Das Gefängnis ist nun also zunächst eine von vielen Institutionen, durch die gestraft wird – es ist jedoch gleichzeitig diejenige Strafinstitution, die der geschilderten Tendenz zur Disziplinierung am passendsten zuarbeitet, weil die Mechanismen der Isolierung und Aufteilung auf Zellen, die alltäglich zu durchlaufenden, streng durchstrukturierten Prozeduren sowie die Kontrollen und Registrierungen dieser Praktik genau entsprechen. Die scheinbare Abmilderung des Strafvollzugs – von der Marter zum Gefängnisaufenthalt – ist also weniger eine willentlich eingeleitete Humanisierung, als vielmehr ein Effekt der von Foucault so genannten "Disziplinar-Macht" (z.B. 390), die in der gesamten damaligen Gesellschaft waltet. (Damit soll natürlich in keiner Weise gesagt sein, daß die Strafen nicht tatsächlich ‚milder' und weniger grausam geworden wären: sie sind natürlich ‚angenehmer' geworden – nichts liegt Foucault ferner als ein ‚Zurück zu den Martern'! Es soll jedoch betont werden, daß es kein bewußt intendierter Prozeß der Abmilderung zum Zwecke der Abmilderung war, der zu dieser Entwicklung geführt hat.)
Das Gefängnis fungiert also letztlich doch wieder als Instrument zur Manipulation der Körper, es dient der Überwachung und Klassifizierung von Individuen, taugt zu deren Umformung, Umerziehung oder ‚Dressur'. Das berühmte ‚Panopticon' von Bentham kann als architektonisches Parademodell für eine solche Institution gelten: Der Häftling wird darin überwacht, indem aus einem zentralen Turm in der Mitte des Gefängnisses auf alle Häftlinge gleichzeitig geschaut werden kann; der Häftling überwacht sich letztlich jedoch selbst: da er i.d.R. nicht sehen kann, ob er gerade gesehen wird, verhält er sich im optimalen Fall stets so, als würde er gerade gesehen. Die Disziplinarmacht hat vermittels eines architektonischen Kunstgriffes einen Sieg auf der ganzen Linie über ihn errungen! (Vgl. an dieser Stelle die Abbildungen 17–26 in Überwachen und Strafen.)
Das Panopticon bringt alle Vorzüge der Disziplinen zur vollkommenen Geltung: Die Probleme, die durch die frühere, massierte Ansammlung der Verbrecher in den Kerkern entstanden, werden geschickt umgangen und die Produktivität (z.B. der in den Gefängnissen arbeitenden Insassen) kann effektiv gesteigert werden.
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Foucault zeigt auf, daß diese disziplinarischen, panoptischen Mechanismen schließlich die gesamte Gesellschaft durchziehen. Die im Panopticon zur Vollendung ausbuchstabierten Techniken können auch an allen anderen, beliebigen Brennpunkten der Gesellschaft tauglich gemacht werden. Den entsprechenden Wandel beschreibt Foucault folgendermaßen: Das Verbrechen gilt immer weniger als ein Verstoß gegen das Gesetz als vielmehr als ein Verstoß gegen eine propagierte Norm. Die Strafe hat vor allem zu bessern und das Individuum im gewünschten Sinne zu verändern. Diese Tendenz zur Normierung jedoch erstreckt sich weit über den Bereich der Strafjustiz hinaus auf den gesamten Gesellschaftskörper – und Foucault schließt mit dem Ausblick, daß zwar (insbesondere heutzutage) das Gefängnis einer stets harscher werdenden Kritik ausgesetzt ist und womöglich eines Tages gar völlig abgeschafft werden könnte, dies jedoch nur unter der Maßgabe, daß sich die in der Gesellschaft ansonsten überall aufgespannten Normalisierungsnetzwerke dann höchstwahrscheinlich entsprechend verstärkt haben werden, um die bisher noch vom Gefängnis wahrgenommenen Disziplinierungsaufgaben komplett mit übernehmen zu können.
Von hier aus lassen sich also Antworten auf die beiden von Foucault gestellten Fragen nach der Prominenz des Gefängnisses folgendermaßen formulieren:
Das Gefängnis stieg einerseits so schnell – und gegen die erklärten Absichten der Strafreformer! – zur primären Strafinstitution auf, weil es der Gesellschaft der Diszi-plinarmacht, welche das Gefängnis umgab, am besten entsprach. Und es blieb andererseits bis zum heutigen Tage so prominent, weil die scheinbaren Mißerfolge nicht wirklich Mißerfolge waren: Zwar funktionieren Rückfallprophylaxe und Besserung der Verbrecher in der Tat nur begrenzt; die normierenden Klassifizierungen der Delinquenten jedoch (z.B. in der Form des psychologisch begutachteten Verbrechers), die über das Gefängnis hinausweisen, fügen sich nahtlos in das Gesamtgefüge der Disziplinarmacht ein.
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Foucault formuliert in Überwachen und Strafen (oft nur indirekt) einen ganz neuartigen Machtbegriff: Wie aus dem Gesagten gefolgert werden kann, ist Macht nicht nur ein negatives, repressiv wirkendes Phänomen, das eine Person oder Institution innehat oder nicht: Macht entsteht stattdessen eher dezentral an den unterschiedlichsten Punkten - wo beispielsweise Herrschaftszwänge gelockert werden, herrscht also nicht einfach keine Macht, sondern nur eine andere Machtkonstellation. Macht kann ein sehr produktives Gefüge der ver-schiedensten Praktiken sein, in dem z.B. so etwas wie der moderne "Delinquent" als Ob-jekt der Beobachtung allererst geschaffen wird (322 ff.). Macht unterdrückt Subjektivität nicht notwendigerweise, wie oft angenommen wird, sondern bringt sie zu einem bestimmten Zeitpunkt als einen Erkenntnisgegenstand, der auf eine bestimmte Art und Weise analysiert und registriert werden kann, erst hervor.
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Dies führt zum dritten Punkt, der hier hervorgehoben werden soll: Foucault beschreibt in Überwachen und Strafen auch, in welcher Weise Macht und Erkenntnis miteinander verbunden sind: Einerseits bedeutet zwar Wissen zu haben, Macht zu haben. So weit, so gut. Doch ebenso geht mit jedem spezifischen Setting von ‚Macht' auch die Möglichkeit der Entstehung eines ‚neuen' Wissens einher. "Andere Macht, anderes Wissen," wie Foucault schreibt (290). Er verdeutlicht diesen Zusammenhang an immer neuen Bei-spielen eindrücklich, insbesondere zeigt er dabei auf, wie zur Zeit der Strafrechtsreformen ganz bestimmte Erkenntnisbeziehungen die Machtbeziehungen zu ergänzen begannen: Zunächst fällt der Verbrecher sozusagen aus dem gesellschaftlichen Vertrag heraus, indem er gegen das Gesetz verstößt. In der Folge wird er dann im Zuge der panoptischen Disziplinartechnologien ausführlich analysiert. Taktiken zum effizienten Umgang mit ihm werden entwickelt, biographische, psychologische und medizinische Untersuchungsverfahren ermöglichen andererseits seine Klassifizierung als Verbrecher eines gewissen ‚Typs'. Ein gemeinsamer Komplex von Macht und Wissen baut sich um ihn herum auf - der moderne Delinquent ist ein Effekt dieses Macht-Wissen-Komplexes, das Gefängnis ‚produziert' in diesem Sinne Delinquenz: Hiermit ist nicht nur einfach gemeint, daß das Gefängnis verbrecherische Verhaltensweisen verfestigt statt ihnen vorzubeugen, und es ist natürlich erst recht keine tatsächlich ‚ontologische' Produktion eines bestimmten delinquenten Menschen gemeint. Foucault verweist uns schlicht darauf, in welcher Weise durch die Effekte der Macht-Wissen-Konstellationen nicht nur neue Begriffe, sondern damit auch Gegenstands- und Erkenntnisbereiche neu geschaffen werden.
So wie also das Gefängnis den Delinquenten ‚produziert', ist, allgemeiner, auch das moderne Subjekt Effekt eines spezifischen Macht-Wissen-Settings: Die sogenannten ‚Humanwissenschaften' tauchen zu diesem Zeitpunkt allererst auf (vgl. 289 ff.). Neben den Disziplinartechniken der normierenden Sanktion und der Überwachung tritt die Prüfung als prädestinierter Mechanismus dieser Wissenschaften vom Menschen auf den Plan; in ihr treffen Machteffekte auf Aspekte der Wissenserhebung: eine "Schriftmacht" (244) bildet sich aus und erlaubt es, die Menschen nach ihren registrierten Äußerungen und Leistungen zu klassifizieren: Es konstituiert sich der Wissensgegenstand ‚Individuum' - und mit ihm die Erkenntnis auch von seinen inneren Zuständen. In genau diesem Sinne ist denn auch zu verstehen, was Foucault meint, wenn er zu Beginn seines Buches erklärte, eine "Genealogie der modernen >Seele<" entwerfen zu wollen (41) - wo er doch dann im folgenden eigentlich nur über den Körper spricht.
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Aus dem Buch läßt sich schließlich (als eine Art ‚wissenschaftstheoretischer Nebeneffekt') eine Erkenntnis extrahieren, die - unterm Strich - eine der Kernaussagen des gesamten Foucaultschen Werkes ausmacht: Foucault verweist uns darauf, daß Veränderungen, wie er sie in Überwachen und Strafen beschrieben hat, in aller Regel nicht auf einen intendierenden Akt eines rationalen, erkennenden Subjektes, auf eine ausformulierte Theorie oder eine Wertung zurückgehen - das Gefängnis z.B. wurde eben nicht deshalb primäre Strafinstitution, weil einige prominente Theoretiker es als die bestgeeignetste Institution zur Verfolgung des Zweckes xy propagiert hätten: Vielerorts praktizierte Vorgehensweisen, verstreut angewandte Technologien, unterschiedliche, oft nur zufällig konvergierende Modalitäten des Umgangs mit einem Gegenstandsbereich tragen vielmehr dazu bei, daß ein neuer Mechanismus (z.B. des Strafens) zutage tritt, prominent wird, persistiert.
Praktiken werden nicht erfunden, sie breiten sich schleichend aus. Theoretische Äußerungen begleiten einen solchen Prozeß - manchmal jedoch entstehen sie sogar erst, nachdem die Praxis des alltäglichen Lebens die entsprechenden Veränderungen längst ‚installiert' hat.
Erst in der nahezu kleinkrämerischen Auflistung der vielen unterschiedlichen Details, die Foucault vor uns ausbreitet, wird denn auch ‚das Ganze' – z.B. das Auftauchen der Disziplinen oder der panoptischen Machtwirkungen - überhaupt sichtbar. So "winzig und unscheinbar" (220) diese Details auch sein mögen: Exakt vermittels ihrer schleicht die neue Strafpraxis sich ein. Interessant ist an den ‚genealogischen' Foucaultschen Texten also weniger der ‚plot' (die oberflächlich beschriebene und beschreibbare ‚Handlung') – auch wenn es unbestreitbar ein Genuß ist, Überwachen und Strafen als Materialsammlung zu lesen: Entscheidend ist jedoch die ‚story' dahinter: Die Geschichte der Geburt des Gefängnisses, der Disziplinen und der Eigenarten der Macht.

