Festival der Räume
Samstag, 6. September 2003
Räume schaffen durch Neuvermessung
17:00 Uhr
Begrüßung:
Bürgermeisterin Dr. Susanne Schott-Lemmer, Botschafterin von "Gefährliche Liebschaften"
18:00 Uhr
Das STYX Theater spielt die Liebesszene der Weltliteratur "Julia: Wer zeigte Dir den Weg zu diesem Ort? Romeo: Die Liebe, die zuerst mich forschen hieß ..."
19:00 Uhr
Einparken: Gert Bendel (*1973, lebt in Berlin), führt durch sein "1 Zi.- ImMobil", 2002 Eine voll funktionsfähige 1-Zimmerwohnung findet Raum in einem gewöhnlichen VW-Camping-Bus: Ein Büro, Schlafzimmer, Wohnzimmer und eine Küche sowie Parkettboden und Zimmerpflanzen. Gert Bendel hat 2002 sein Studium an der Universität der Künste in Berlin bei Prof. Michael Schoenholtz mit dem Meisterschüler abgeschlossen. Anschließend: Würstchen bei Gert, House-Music im Wohnzimmer.
20:00 Uhr
Performance: Judith Karcheter (*1974, lebt in Berlin), entwickelt räumliche Fiktionen. "Val als Vladimir, die blaue Perücke und das Rad", 2003 In der Rolle der Val (einer erfundenen Frauenfigur mit blauer Perücke) spielt Judith Karcheter eine Hochseildarbietung nach, die Val vorher oft gesehen hat und auf ihre Weise umsetzt. Sie schlüpft dabei in die Rolle des Artisten Vladimir, zu dem sie einen inneren Dialog aufbaut und Gedanken und Vorstellungen ausspricht, die auf das tatsächlich gesehene Ereignis zurückgreifen. Schauplatz ist eine zimmerähnliche Szenerie. Judith Karcheter ist Meisterschülerin an der Universität der Künste in Berlin bei Prof. Henning Kürschner.
20:30 Uhr
Videoprogramm zum Thema Räume: Beziehungen zwischen Architektur, Kartographie und Handeln
Kerstin Cmelka (*1974, lebt in Österreich): "Camera", A/D 2002, 9 Min, (Keine Sprache) Der Begriff "Camera" bezeichnet einerseits das fotografische Aufnahmegerät und heißt in Italien, wo der Film entstand, auch "Zimmer". "Camera" präsentiert drei Sequenzen, die das Verhältnis von Aufnahmeapparatur und szenischem Raum zum Gegenstand haben. Die Kamera zeigt drei Zimmer: Die Zimmer sind wiederum "Cameras" im doppelten Sinn (Camera Obscura). Obwohl die einzelnen Sequenzen für sich stehen können und auch durch kurzen Schwarzfilm getrennt sind, bringt ihre Abfolge eine zusätzliche Überlegung ins Spiel: Dass nämlich die Sicherheit unseres Sehens in Gefahr ist, sobald Standpunkt und Blickpunkt ineinander gespiegelt werden.
Ricarda Denzer (*1967, lebt in Wien): "Türvierzehn - reading in absence", A 2001, 13 Min, OmeU (d./e.) Die Erzähler: Warren R., Sirri K., Susanne S., Elif, Heinz M., Michaela W. Audiodesign: Fatih Aydogdu/Ricarda Denzer Eine leergeräumte Wohnung. Wer mag hier gelebt haben? Die Antwort darauf versuchen sechs Personen zu finden, deren Phantasien und Vorstellungen als Tonspur über den Aufnahmen der leeren Wohnung liegen. (Ricarda Denzer)
Josef Dabernig (1956, lebt in Wien): "Wars", A 2001, 10 Min, (keine Sprache) Der Schauplatz hat eine eindeutige Bestimmung, die das Handeln der Akteure festlegt. Reduziert auf ihre berufliche Bestimmung agieren sie unabhängig von der sie umgebenden Wirklichkeit im menschenleeren Raum: Alltag im Speisewagen eines Fernzuges wenn die Gäste ausbleiben. Leere Tische, phlegmatisches Personal. Der Kellner lehnt vor dem Fenster und reinigt bedächtig seine Fingernägel. Koch und Kellnerin üben sich in gelassenem Ausharren. Nur das Rattern des Zuges auf den Gleisen ist zu hören ein gleichmäßiges, einschläferndes Geräusch. Diese Monotonie setzt sich in der zwangsläufigen Lethargie des Speisewagenpersonals fort. Es scheint ein Geisterzug zu sein, ein Zug ohne Passagiere. Wie durch ein unhörbares Signal ausgelöst, kommt doch noch Geschäftigkeit in die Szenerie. Die drei kehren und wischen. Der Waggon muss geputzt werden, bevor man den Endbahnhof erreicht.
Peter Geschwind (*1966, lebt in Stockholm u. Berlin): "Sound Cut", S 2002, 2 Min, (SoundClip) Ganz gewöhnliche Gegenstände des täglichen Haushalts führen ein Eigenleben: Zusammen mit den Geräuschen der Dinge wurden Bild- und Soundbits im Vierviertelbeat eines Songs von Dead Kennedy aneinandergereiht. Eine Waschmaschinentür knallt zu, eine Ketchup-Flasche kippt um, eine Kiste rutscht über die Fliesen und der Wischmopp läuft Amok: Den Dingen an sich ist nicht zu trauen.
Isa Rosenberger (*1969, lebt in Wien): "Sarajevo Guided Tours - a journey to a real and imagined place", A 2002, 30 Min, OmdtU (englisch) Acht Personen erzählen ihre persönlichen Erlebnisse an öffentlichen Plätzen in Sarajevo, die für sie eine besondere Bedeutung haben. In den Erzählungen überlagern sich Erinnerungen an Kriegserlebnisse, architektonische Eindrücke, individuelle Blickweisen und Vorstellungen, Geschichte und Sozialisation der Personen. "Diese soziale Kartographie der Stadt ist durch den Blickwinkel von BewohnerInnen von Sarajevo geprägt, in dem oft auch ihre Erfahrungen während des Krieges mitreflektiert werden - ebenso aber auch von meinem 'touristischen' Blick als Besucherin." (Isa Rosenberger)
Pia Rönicke (*1974, lebt in Kopenhagen): "A place like any other", DK/S 2001, 21 Min, OmeU Die Videoarbeit über die Stadt Bredäng entstand in Zusammenarbeit mit dem Stockholmer Moderna Museet Projekte und wurde in einer öffentlichen Bücherei des Kulturzentrums in Stockholm gezeigt. Bredäng ist ein Vorort von Stockholm, der in den 60er/70er Jahren als Trabantenstadt in einer idyllischen Hügellandschaft am Mälaren-See aus dem Boden gestampft wurde. Über 60 verschiedene Nationalitäten wohnen dort, die Wahlbeteiligung liegt unter 50 %. Von außen wird die Stadt als gesichtslos wahrgenommen, ihr Zentrum stirbt zunehmend aus. In einer öffentlichen Stadtführung wird Bredäng als Beispiel architektonischer Utopien dargestellt, wie geplante und realisierte Skulpturen im öffentlichen Raum. In persönlichen Videointerviews fragt die Künstlerin nach Einflussmöglichkeiten der Bewohner auf ihr Wohngebiet, ob sie an demokratische Entscheidungen glauben und was sie darunter verstehen.
Nina Könnemann (*1971, lebt in Hamburg): "Unrise", D 2002, 10 Min 30 Sek, (deutsch) Die S-Bahnstation Potsdamer Platz in Berlin ist Schauplatz von "Unrise". Der eigentliche Schauplatz bleibt allerdings unsichtbar. Denn das Mega-Event findet über der S-Bahnstation statt: Es ist Love-Parade in Berlin. Menschen kommen auf der Rolltreppe von oben herunter, oder sind wieder auf dem Weg nach oben. Die Halle wird zur Durchlaufstation, zum Aufenthaltsort fernab des lautstarken Treibens. Als Beobachterin, die außen vor ist, folgt Nina Könnemann mit ihrer zurückhaltenden Kameraführung den Bewegungen der Menschen. So beginnen die Bewegungslinien der Menschen den Raum zu performen.
Viola Yesiltac (*1975, lebt in Braunschweig): "Regional Express", D 2001, 6 Min 25 sek, geloopt, (keine Sprache) Eine Frau zieht einen Koffer hinter sich her und durchquert damit ein Waldstück (in Langenhagen). Die ständige Wiederholung des Geschehens als Endlosschleife, in der Anfang und Ende immer wieder ineinander übergehen, ist hier entscheidend. Das unendliche Durchqueren des Waldes lässt die Frage offen, ob es sich auf etwas zu bewegt, oder von etwas entfernt. Räumliche Orientierung ist nicht möglich, versucht sich aber an der Dynamik der Person mit ihrem Koffer fest zu machen. Viola Yesiltac ist in Langenhagen aufgewachsen und zur Schule gegangen. Sie studiert bei Prof. Marina Abramovic (Performance) und Prof. Birgit Hein (Film) an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig.
Das künstlerische Programm des Festivals wird gefördert durch das Land Niedersachsen.
Wir danken allen Beteiligten des Festivals sowie allen Förderern der Edition "Gefährliche Liebschaften" zum Fortbestand des Kunstvereins Langenhagen: Werbeagentur Jüngling, Langenhagen, Löwen Apotheke, Hannover, Pelikan, Malermeister Volker Köhler, Langenhagen, Eikemeier Kartonagenfabrik, Langenhagen und vor allem Tilo Schulz, Leipzig.



