Kunst in Form von der Auseinandersetzung mit etwas begegnete mir zum ersten Mal, als ich noch gar nicht so alt war - vielleicht vierzehn. Die Aufstellung der drei Nanas am Leineufer in Hannover war die erste Begebenheit, bei der ich selber auch mitbekommen habe, dass Kunst nicht nur irgendwelche alten Bilder sein können. Mir wurde bewusst, dass Kunst nicht nur Bilder sind, die irgendwo hängen und die man sich im Museum anschaut und dann ist gut, sondern dass Kunst eben auch etwas ist, das Konfrontationen und Nachdenken erwirkt.
Die Nanas lösten damals eine große Diskussion aus. Uns - wir waren eine Gruppe von vier Jungen - war nicht klar, wie man sich über so etwas aufregen kann. Wir haben sie uns angeschaut, sie waren bunt, interessant, hatten schöne Körper, uns war einfach unklar, warum sich die Leute darüber so aufregen, warum sie obszön sein sollten.
Damals war es in, sich bei den Nanas aufzuhalten, deshalb haben wir dort sehr viel Zeit verbracht. Die Nanas waren einfach ein Gesprächsthema. Die Bürgerlichen, Konservativen waren entsetzt und meinten: Weg damit, was soll das! Wir merkten, dass da Protest war, dass sich etwas dort bewegte. Wahrscheinlich hatte dieser Reiz am Protest und an der Konfrontation auch etwas mit der Schule zu tun, auf die ich damals ging. Die Integrierte Gesamtschule in Langenhangen war eine völlig neue Schulform, hatte junge und progressive Lehrkräfte. Politik war ein großes Thema, und da wurde über solche Themen wie die Nanas eben diskutiert.
Erst vor kurzem, in der Sonderausstellung des Sprengel Museums Hannover zur Schenkung von Niki de Saint Phalle, ist mir wieder bewusst geworden, welchen Einfluss die Nanas auf mich hatten. Ich habe mich nie weiter mit der Künstlerin beschäftigt, aber im Nachhinein finde ich es schon toll, was sie gemacht hat, zumal wenn man die Zeit bedenkt, in der beispielsweise ihre Schießbilder entstanden. Alles lief auf Provokation hinaus, die letztlich auch bei den Nanas gewirkt hat. Durch die Ausstellung wurde ich zurückversetzt in jene Zeit, in der einfach alles neu und interessant war. Im Nachhinein waren die Nanas sehr prägend für mein Kunstverständnis.
Sie haben mir zum ersten Mal klar gemacht, dass es nicht nur die schönen Bilder sind, sondern dass etwas im Kopf passieren muss. Genau das ist mein Begriff von Kunst, dass es nämlich etwas bei mir bewirkt. Damals war mir das natürlich noch nicht so klar. Vielmehr ist durch die große Diskussion etwas in meinem Kopf passiert. Die Nanas waren einfach präsent: In der Schule, in den Zeitungen. Und deswegen kam man einfach ins Grübeln. Heute versuche ich, meinen Kindern beizubringen, tolerant und offen an Dinge heranzugehen, die sie noch nicht kennen, die fremd erscheinen. Die Ausstellung im Sprengel Museum Hannover haben sie auch gesehen. Mir war wichtig, ihnen zu zeigen, was es alles gibt.
Wenn ich heute an den Nanas vorbeifahre, denke ich eigentlich immer an die schöne Zeit zurück. Es ist aber vielmehr eine persönliche Erinnerung, als die Begegnung mit Kunst.
Holger Graab: Niki de Saint Phalle "Caroline, Charlotte and Sophie", 1974

