Barnett Newman ist für mich der Größte. Anfang der achtziger Jahre habe ich erstmals sein Bild "Who´s afraid of Red, Yellow and Blue, IV" in der Nationalgalerie in Berlin gesehen.
Barnett Newmans Bilder müssen im Kontext der amerikanischen Malerei gesehen werden. Innerhalb der amerikanischen Malerei ist dieses Bild nun das, welches die größte Intensität und die größte Reinheit darstellt. Es ist für mich der Inbegriff der amerikanischen Malerei.
Während meines Studiums von 1955 bis 59 lernte ich den Tachismus kennen. Dieser Tachismus, die Befreiung von der Enge der Form, war für mich ein zentrales Erlebnis. Dieses Gefühl der Befreiung habe ich dann in noch sehr viel stärkerem Maße erlebt, als ich mit der amerikanischen Malerei in Kontakt kam, speziell zunächst mit der Malerei von Jackson Pollock. Dieses Gefühl von Freiheit hat bis heute nicht nachgelassen. Ich sehe in dem Bild von Barnett Newman in ganz entschiedener Weise Freiheit. Und zwar seine Freiheit, die Freiheit der Kunst und die Freiheit für den, der es betrachtet. Es gibt bei dieser Malerei keine Grenzen, kein hierarchisches System mehr, in dem die Formen im Verhältnis zueinander stehen. Barnett Newmans Bild aber ist nicht relational. Die Streifen laufen durch das Bild hindurch und ließen sich unendlich fortsetzen. Setzt man das Bild von Newman gegen ein Bild, das hierarchisch aufgebaut ist, empfindet man Newmans Bild als Befreiung.
Barnett Newman verlangt eigentlich, dass seine Bilder - dieses Bild ist über sechs Meter breit - in engen Gängen aufgehängt werden, sodass der Betrachter nicht in der Lage ist zurückzutreten, um das Bild in seiner ganzen Form zu erfassen. Man soll vom Bild überwältigt werden, quasi in seine Farben eintauchen. Seine Malerei hat etwas Erhabenes. Sie soll nicht erfreuen, sie soll nicht das Heim schmücken, sondern sie soll erschüttern, und sie soll eine Katharsis bewirken. Das Erhabene soll den Menschen erheben, über sich selbst hinaus. Philosophie war mir immer ebenso wichtig wie die Kunst. Bis ich eines Tages begriff, dass Philosophie und Kunst ein und dasselbe sein können. Barnett Newman ist der Philosoph schlechthin unter den Malern.
Die Freiheit ist für mich also das Wesen der Kunst. Das Gefühl der Befreiung habe ich nun immer wieder, wenn ich das Bild von Newman in Berlin sehe. Mittlerweile habe ich es etwa zehnmal gesehen. Ich habe jedes mal wieder das Gefühl, das Bild sei vollkommen frisch. Wenn ich den Raum betrete, merke ich, wie mir die Brust aufgeht, plötzlich habe ich das Gefühl, ich kann frei durchatmen. Ich kann richtig in das Bild eintauchen, ich fühle mich dann wirklich absolut frei und glücklich durch die Farben und die Reinheit, wie man sie in der Realität überhaupt nicht findet. Wenn ich mir den gesellschaftlichen Schmutz betrachte, von dem man mitunter umgeben ist - seien es nun irgendwelche Graffiti, Schmutz im konkreten Sinne, oder aber eben auch als Äußerungen einer bestimmten Nicht-Erziehung - dann ist es für mich geradezu notwendig, vor dieses Bild zu treten und diesen Schmutz sozusagen abzuwaschen.
Manche Menschen kommen mit diesen Bildern nicht zurecht. Das zeigt sich daran, dass in den 1980ern zwei Attentäter versuchten, Bilder von Newman zu zerstören. Diese Menschen fühlen sich in ihrer Niedrigkeit und Unbedeutendheit provoziert von etwas Reinem und Vollkommenem. Sie müssen das wie unter einem inneren Zwang zerstören. Mir ist durchaus klar, dass etwas Vollkommenes in starkem Maße eine Provokation darstellt für Menschen, die an ihrer eigenen Unvollkommenheit leiden. Es sind die glatten und reinen Flächen, die die Täter reizen. Bei Pollock wäre der Reiz nicht so groß.
Barnett Newman hat für mich eine religiöse Qualität, nicht bloß eine ästhetische oder philosophische. Newman selber war ein zutiefst gläubiger Jude. Ich empfinde seine Bilder auch in einem tiefreligiösen Sinn. Solche Bilder lehren etwas, was man unter dem Begriff Andacht kennt, man kann vor seinen Bildern fromm werden. Ich habe Ehrfurcht vor Newmans Bildern, sie sind für mich etwas Heiliges. Das ist auch der Grund, warum eine Reproduktion des Bildes nicht zerschnitten werden sollte. Mir ist der Gedanke der Unantastbarkeit eines solchen Bildes wichtig. Ich möchte, dass dieses Werk als unantastbar gilt.
Georg Mika: Barnett Newman "Who´s afraid of Red, Yellow and Blue, IV", 1969/70

