Besonders bewegt hat mich die Performance von Hanna Frenzel, die sie 1995 innerhalb einer Veranstaltungsreihe unter dem Motto "Agora - Platz der Frauen" in Hannover gemacht hat. Damals bin ich gebeten worden, eine Künstlerin während dieser Reihe wissenschaftlich zu begleiten. Dadurch bin ich dann auf Hanna Frenzel gestoßen und fand ihre Arbeiten sehr bestürzend. Was ist daran Kunst?, war für mich die Frage. Ich war aufs höchste irritiert und dadurch auch interessiert. Ich wollte ihre Performance live sehen und dazu auch etwas sagen.

Die Aktion kam zustande an einem sehr heißen Abend am Aegi unter der Hochstraße. Unter dieser installierte Hanna Frenzel einen Zylinder aus Glas, der ein bisschen größer als sie selbst war. Alle Leute standen um ihn herum, keiner wusste so recht, was jetzt passiert. Diese Frau, eine kleine, zierliche Person, schlüpfte in einen Schutzanzug, setzte sich eine Gasmaske auf und sah damit ziemlich furchterregend aus. Sie stieg in den Zylinder, was schon eine gewisse Irritation mit sich brachte: eine Frau im Taucheranzug mit Gasmaske in einem zylindrischen Gefäß aus Glas auf einem Podest! Dann rieselte es aus den Schläuchen, die in den Zylinder hingen, Salz - grobkörniges Salz. Es wurde langsam dunkel. Die ganze Zeit über fuhren Autos in Höchstgeschwindigkeit vorbei, und allmählich wurde die ganze Szenerie gespenstisch und bizarr. Auch durch die Beleuchtung entstand eine ziemlich eigenartige Atmosphäre. Ganz langsam rieselte das Salz in den Zylinder. Es war dieses grobkörnige Salz, ganz stark kristallin. Das Licht brach sich in den Kristallen, was einen starken Kontrast bildete zu dem schwarzen Anzug der Frau. Das Salz stieg und stieg, und die Spannung bei den Zuschauern stieg auch. Manche schauten nur, manche lachten, manche standen stumm vor Spannung da. Mein Mann konnte das ganze überhaupt nicht ertragen. Er hat sich ganz nach hinten gestellt, während ich unmittelbar davor stand.

Es dauerte insgesamt etwa eine Stunde - für die, die drinnen stand, furchtbar lang. Für die, die sich wirklich auf den Vorgang konzentrierten, auch. Die Beklemmung nahm zu. Dieses Gefühl war auch bei Hanna Frenzel zu spüren. Sie hat es sehr weit voran getrieben. Das Salz stieg immer höher und höher, reichte zum Schluss bis zum Hals. Über Kopfnicken hat sie sich schließlich mit den Helfern verständigt, dass es nun genug sei. Dann wurde der Zylinder hochgezogen und das Salz floss raus. Als das alles auseinander floss und der Zylinder oben baumelte, merkte man richtig die Entspannung bei allen Beteiligten und Zuschauern. Ich kann mich aber noch erinnern, dass es war, als würde man aus einem bösen Alptraum erwachen. Entlastung, aber auch Beklommensein, Verstörtheit - komplette Verstörtheit.

Im Nachhinein habe ich erfahren, dass Hanna Frenzel sich für ihre Performances immer in solche Extrem-Situationen begibt. Am Anfang stieg sie in diesen Zylinder noch ohne Gasmaske. Die Dämpfe der Salze bewirkten aber, dass Adern im Rachenraum platzen - sie stand wenig später blutüberströmt da, was hier zum Glück aber nicht passiert ist. Aber das ist für mich die wirklich erschreckende Dimension dieses Vorgangs: Es war eine reale Bedrohung und Gefahr. Wenn ich heute mich an diese Situation am Aegi zurück erinnere, stellt sich die Bedrängnis, das Gefühl von Grenzerfahrung, diese Angst sofort wieder ein.

In meinem persönlichen Erleben der Situation stand damals etwas anderes im Mittelpunkt: Ich habe mich gefragt, was in dieser Frau vorgeht, was sie zu dieser Performance treibt. Was will sie damit ausdrücken, was ist das für eine Form der Ansprache. Was will sie mir sagen, dadurch dass sie diese Art und Weise der Darstellung wählt. Das hat mich sehr gefesselt, vor allem in meiner Existenz als Frau. Eine Frau steigt in einen Zylinder - der Zylinder ist das phallische Symbol schlechthin.

Das ist wie eine Illustration des veralteten psychoanalytischen Konzepts zum Verständnis weiblicher Identität. Dort galt die "phallische Frau" als eine, die gegen ihre Weiblichkeit rebelliert und sich mit ihrem Körper nicht abgefunden hat, die männlich sein will. Die Künstlerin spielt mit diesem Bild, wenn sie sich in einen Phallus eingegossen präsentiert. Das fand ich ungeheuerlich.

Als Bild, als Provokation, und auch als eine Möglichkeit, Theorie zu prüfen und ad absurdum zu führen. Eine Theorie, die nachweislich falsch ist, das wissen wir inzwischen. Diese Erkenntnis war für mich eine Kurve, in der ich eine Form gefunden habe, mich aus dieser Bedrückung und Beklemmung zu lösen. Das ganze war so stark sarkastisch und ironisch, es war eine andere Form, mit Theorie umzugehen.

Mich beschäftigt auch, was Menschen veranlasst, in solche Grenzregion vorzudringen. Dieses Spiel mit dem Tod ganz bewusst zu inszenieren. Ich denke bis heute darüber nach, woher diese Bereitschaft dieser Frau stammt, sich in so eine Gefahr zu begeben. Ein weiterer Aspekt ist für mich, dass Frauen oft Schwierigkeiten haben, sich in ihrer Kreativität und Intellektualität zu zeigen. Viele Frauen haben eine innere Barriere, öffentlich aufzutreten; einen inneren Imperativ, der ihnen verbietet, sich als intelligent und kreativ zu zeigen.

In dieser Performance habe ich eine eigenartige Zuspitzung dieser Problematik gefunden. Die Künstlerin zeigt sich in ihrer ganzen Kreativität, schüttet sich aber zu, verbirgt sich, steckt in einem Zylinder. Da steht eine Person im Mittelpunkt des Interesses, an einem Verkehrsknotenpunkt - und riskiert dabei ihr Leben. Am Ende erreicht sie es aber, nicht nur zu überleben, sondern auch noch etwas weiterzutragen. In mir als Rezipientin hat sich etwas festgesetzt, ich war wirklich berührt. Mir drängen sich Bilder dieser Performance immer wieder ins Gedächtnis, wenn es um existentielle Fragen von Frauen geht. Oder wenn es um Brechungen geht, wenn Gewissheiten aufgebrochen werden sollen, was zum Beispiel typisch weiblich oder männlich ist.

Die Bilder dieser Performance leiten mich dann, etwas auch einmal gegen den Strich zu sehen, aus einer anderen Perspektive. Insgesamt hat mich die Performance in meinem Empfinden, was Kunst ist, stark verändert. Kunst ist nicht nur Leinwand und Farbe, obwohl ich Bilder nach wie vor gern mag. Sogar die Performance setzt sich in mir in Bildern ab, nur eben nicht in der üblichen Ästhetik.

Christine Morgenroth: Hanna Frenzel "Chronos", 1995

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